Spirit of the Band – der Gute Geist der Shiny Gnomes
Ende 1985 gründete Stefan Lienemann aka Limo, der in den Jahren zuvor mit diversen Projekten in der damaligen Independent-Tape-Szene bekannt geworden war, seine erste Liveband – die Shiny Gnomes. In nur wenigen Monaten erspielte sich die Band mit Feedback-Orgien, psychedelischen Spielereinen und sechssaitigen Trash-Experimenten (HifiVision) einen Spitzenplatz in der deutschen Indie-Szene. Nach einer viel beachteten Debüt-Tour durch die Schweiz erschien im Oktober dieses Jahres ihre erste LP Wild Spells, die auf Anhieb in den Top Ten der Indie Charts landete.
Mit der zweiten LP eroberten sie 1987 endgültig die Clubs zwischen Hamburg, Wien und Zürich. Auch der legendäre John Peel und verschiedene US-College-Sender spielten die Gnomes in ihren Programmen. Vor allem der als Single ausgekoppelte Song „Lazing at Desert Inn“ erlangte mit seinem Sound zwischen Country und schräger Psychedelia Kult-Status. Die Stadt Nürnberg zeichnete die Band 1987 mit einem Kulturpreis aus, Magazine wie Spex und Music Express feierten die Gnomes als deutsche Antwort auf die Britpop- und US-Indieszene. 1988 unterschrieben sie einen Plattenvertrag bei Polydor und produzierten dort zwei weitere LPs, Fivehead und Colliding mit einem Sound irgendwo zwischen Philipp Boa und Element of Crime (Rocklexikon Deutschland). 1991 erfolgte der Wechsel zu Rough Trade, wo vier weitere Alben entstanden. Dabei fand die Band erst zu einem härteren, am Grunge orientierten Sound, später experimentierte sie mit Elektronik. Nach der 1996 erschienenen Scheibe Weltraumservice legten die Psychedeliker erst einmal eine kreative Pause ein.
Als 2001 das erste Album Wild Spells beim Independent Label Sireena als CD-Re-Release erschienen war und als brillante Wiederveröffentlichung (Psychedelic Music Net) des damals wohl bahnbrechendsten Garagen-Punk- und Psychedelia-Album made in Germany (Rolling Stone) gelobt wurde, gab dies den Anstoß zu einigen Live-Konzerten, auf denen die Band erneut den wilden Zauber ihrer Psychedelic-Trips (Abendzeitung Nürnberg) zelebrierte. Bald entstanden Pläne, ein neues Album aufzunehmen. Da die Gnomes inzwischen über ganz Deutschland verteilt wohnten und keine Zeit für gemeinsame Aufnahmesessions gefunden werden konnte, wurde daraus jedoch zunächst nichts. 2006 verabschiedeten sich schließlich Bassist Hanz und Drummer Ufo.
Doch nun begann ein neues Kapitel der Bandgeschichte. Zu Limo und Keyboardspieler Gasi stießen Drummerin Dorit Lacusteanu und Bassistin Silvia Cuesta, der kurze Zeit später Manna Knauthe als Bassist nachfolgte. Mit neuen Songs und neuem Sound sind die Shiny Gnomes 2007 zu neuen Ufern aufgebrochen. Nach 20 Live-Gigs in der aktuellen Besetzung mit fast ausschließlich neuem Material wurde schnell klar, dass der gute Geist der Gnomes wieder hellwach war. Nun konnte endlich das lang ersehnte neue Studioalbum – das neunte – entstehen.
Dabei ist Spirit of the Band durchaus kein „spirituelles“ Album geworden, aber auch kein reines Popalbum. Es ist eben ein typisches Shiny Gnomes-Werk: Kratzende Orgeln, fette Brettgitarren, der charakteristische, überirdisch schwebende Gesang von Limo und tausend kleine psychedelische Soundspielereien verschmelzen zu einem ureigenen Sound. Ein neues Stilelement ist der Gesang von Drummerin Dorit, bezaubernd, klar und irgendwie zwischen Grace Slick und Nico. Und da sind wir auch schon mitten in der Pop History. Mit den zwölf neuen Songs spielt sich die Band im großen Bogen und manchmal mit einem Augenzwinkern durch die Popgeschichte, von der Siebziger-Hippiehymne Spirit of the Band über die Sixties-Miniatur Backyard of my Mind bis hin zum heftig ravenden Party in June. Oder sie zitieren sich selber wie in dem metallisch schleifenden Demons Appear und der ätherischen Ballade Its Real, die an den Sound der frühen Jahre anknüpfen.
Aber die Gnomes zitieren ohne zu kopieren, man muss ja auch keinem Trend mehr hinterher laufen, dafür hat man schon zu viele Trends er- und überlebt. Der Gute Geist der Gnomes wirkt, wie er immer gewirkt hat: Er bedient sich aus dem Schatz von 40 Jahren Popgeschichte und schafft daraus ein neues, vielfach schimmerndes Schmuckstück. |