Die Klasse
Der Brennpunkt ist das 20. Pariser Arrondissement und die Schule die Dolto Mittelschule, wo Lehrer Francois (Begaudeau spielt sich selbst) Französisch und Literatur vermittelt. Kinder des französischen Bürgertums sucht man hier vergeblich. Migrantenkinder aus Nordafrika, dem Vorderen Orient und Fernost sitzen hier meist unmotiviert und ohne Perspektive ihre Schulzeit ab und wollen sich ihr Leben, von dem sie mehr als "genug" haben, nicht von einem Lehrer vorschreiben lassen.
Doch Francois hat so seine unkonventionellen Tricks, mit denen er zumindest einige zu Leistung anstacheln kann. Indem er Transparenz und logische Erklärungen in seinem Vorgehen einbaut statt simpler Verbote und Strafen, hat er das Vertrauen der Schüler gewonnen. Dabei geht er durchaus auf Konfrontationskurs, weil er sich auf seine überzeugende Argumentation verlässt. Allerdings sind die Teenager mitten im schlimmsten Alter in Bezug auf Vernunft und Regeln.
Auch im Lehrerkollegium ist das Klima durchaus gereizt. Viele frustrierte Kollegen haben den Lehrauftrag längst vergessen. Das Schuljahr hat gerade begonnen, als die tunesischstämmige Esmeralda bereits massive Zweifel am Sinn des Unterrichts anmeldet. Souleyman aus Mali weigert sich, etwas aufzuschreiben oder Hausaufgaben zu machen. Er gibt lieber den coolen Rapper und stichelt gegen andere. Immer stärker werden die Spannungen, die beständig auch von außen, von den sozialen Problemen in den Familien und ethnischen Gruppen, angefacht werden. Als Esmeralda bei einer Auseinandersetzung unglücklich verletzt wird, bricht das fragile Gebäude des Vertrauens und der Zusammenarbeit in sich zusammen...
Wie in Ressources Humaine verlässt sich Laurent Cantet auf Laiendarsteller, die sich in der dokumentarisch anmutenden Inszenierungsstrategie sichtlich wohl fühlen. Wie sein Protagonist und Co-Autor sucht der Regisseur nicht nach dem spektakulären Drama und erhebt auch keine moralische Anklage gegen das System. Mit sanfter Raffinesse zeichnet er vielmehr den Alltag der Migrantenkinder auf und kreist so unwiderstehlich die Kernthese seiner Gesellschaftskritik ein: die zunehmende Ausgrenzung der sozial Schwachen. Die Schlussfolgerungen muss jeder selbst ziehen.
Der Vehemenz seiner Argumente stehen dabei keine brachialen sondern kleine, alltägliche Probleme gegenüber, die überall passieren können. So ist die Risswunde, die der Rucksack des aufgebrachten Souleyman an Esmeraldas Wange hinterlässt, eine vergleichsweise kleine Verletzung. Allerdings führt sie letztlich dazu, dass Francois schließlich einem Disziplinarverfahren und einem Schulverweis zustimmen muss.
Das bewegende und mitreißende Werk hat eine erstaunliche Sogwirkung, die ihre Kraft vor allem aus den ambivalenten Charakteren zieht, über die man immerzu mehr erfahren will. Damit befriedigt Cantet einmal mehr nicht nur die Ansprüche eines Arthouse-Zuschauers, sondern erreicht wie mit In den Süden auch das Unterhaltungspublikum.
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Genre:
Drama -
Frankreich 2008
FSK:
keine
Darsteller: Francois Bégaudeau (Francois Marin), Nassim Amrabt, Laura Baquela, Cherif Bounaidja Rachedi, Juliette Demaille, Dalla Doucoure, Arthur Fogel, Damien Gomes
Regie: Laurent Cantet
Spieldauer: 130 Min.
Alltag in der Schule eines Pariser Problembezirks:
Der ehrgeizige Französisch-Lehrer Francois will seiner vornehmlich aus Migranten bestehenden Klasse nicht nur die Grundzüge seines Faches, sondern auch soziale Werte wie Respekt und Toleranz vermitteln. Dafür denkt er sich ungewöhnliche Unterrichtsmethoden aus. Laurent Cantet verfilmt den autobiografischen Roman von Francois Begaudeau als kraftvolles Doku-Drama, das mit Sozialkritik nicht spart. Starke Darsteller und eine einfühlsame Inszenierung machen den Exkurs ins Erziehungswesen zu einem sehenswerten und mitreißenden Erlebnis. |